Der verheißene Geist

Gedanken zu Pfingsten

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29 Mai 2020
Der verheißene Geist

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen... Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. (Jeremia 31, 31+33)

An diesem Wochenende feiern wir das biblische Fest Schawuot. In christlichen Kreisen ist es als Pfingstfest bekannt und wird oft als die Geburtsstunde der Kirche bezeichnet. Über viele Jahrhunderte betrachtete man Pfingsten als den Beginn einer neuen Institution, die das Volk Israel ersetzt oder abgelöst hatte. Das war das Verständnis der meisten traditionellen Kirchen im Verlauf der Kirchengeschichte. Die Annahme war, dass Gott mit Israel als seinem Volk abgeschlossen hatte und wir, die Kirche, das neue und bessere Volk Gottes seien. Viele Christen waren der Ansicht, dass Gott sein Volk enterbt und dementsprechend ein „Neues Testament“ geschrieben hatte, indem er den Segen von Israel nahm und ihn auf die neue Heiden-Kirche regnen ließ.

Eine neue Realität

Als Paulus seine Briefe an die Gemeinden in Kleinasien, Griechenland und Rom schrieb, betrachtete er sein Schreiben jedoch nicht als die Kapitel eines neuen Buches namens „Neues Testament“. Für die Gläubigen der ersten Gemeinde war der Begriff „Neues Testament“ nicht der Titel eines Buchs oder der Name einer neuen religiösen Bewegung. Für sie beschrieb er vielmehr eine neue geistliche Realität, die ihr Leben auf dramatische Weise formte und veränderte. Der „Neue Bund“ beschreibt eine Erfahrung, auf die das jüdische Volk seit vielen Jahrhunderten gewartet und gehofft hatte. Es war eine wesentliche Erfüllung der prophetisch angekündigten Erlösung, die Israel seit Generationen erwartete. Die Person, die den Begriff „Neuer Bund“ ursprünglich prägte, war nicht Jesus oder die ersten Apostel, sondern einer der großen hebräischen Propheten – Jeremia.

Die Wiederherstellung Israels

Jeremia kündigte nicht nur die Zerstörung des Tempels in Jerusalem und das babylonische Exil an, er war auch einer der größten Verkünder einer herrlichen, zukünftigen Wiederherstellung Israels. Die bekannteste Schriftstelle zu dieser Wiederherstellung findet sich in Jeremia, Kapitel 30-33, wo Gott seine „ewige Liebe“ zu Israel bestätigt (31,3) und verspricht, es wieder aus dem „Norden“ und von den „Enden der Erde“ in ihr Land zurückzubringen (31,8). Dieser Prozess der Wiederherstellung Israels ist eine Botschaft, die den Nationen verkündet werden muss, ja, sogar den entlegensten Regionen der Erde: „Der Israel zerstreut hat, der wird's auch wieder sammeln und wird es hüten wie ein Hirte seine Herde“ (31,10). Gott bekräftigt sogar durch Jeremia, dass er mit derselben Entschlossenheit, mit der er Israel zerstreut hatte, es wieder sammeln, aufbauen und in das Land pflanzen würde (31,28).

Als Höhepunkt dieses Wiederherstellungsprozesses kündigt Gott durch Jeremia etwas Brandneues an, das über die bloße Wiederherstellung der vergangenen Herrlichkeit Israels hinausgehen wird. Gott verkündet, dass ein herrlicher Neuer Bund bevorsteht!

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“ (Jeremia 31, 31-33)

Der „Neue Bund”

Der Begriff „Neues Testament” kommt aus der Vulgata, der lateinischen Übersetzung der Bibel, die vom Kirchenvater Hieronymus in Bethlehem zusammengestellt wurde. Er übersetzte „neuer Bund“ mit „neues Testament“ und dieser Ausdruck hat sich seitdem im Christentum gehalten.

Allerdings ist der Ausdruck „Neuer Bund” in vielerlei Hinsicht besser als „Neues Testament”, da er viel mehr eine Beziehung und weniger ein rechtliches Dokument beschreibt. Jeremia sieht für sein Volk eine neue Art der Beziehung voraus, die wie ein „Upgrade“ des Bundes vom Berg Sinai sein würde. Auf dem Berg Sinai gab Gott der Herr Israel ein Gesetz, das im Grundsatz makellos und geistlich war. Das Problem war aber nicht so sehr das Gesetz, sondern die Menschen. Israel – und mit ihnen die ganze Menschheit – tat sich schwer damit, Gottes Gebote zu erfüllen, so dass König David ausrief: „Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer“ (Psalm 14,3). Und dieser verheißene Neue Bund würde sich des größten Problems der Menschheit annehmen – des menschlichen Herzes.

Es ist der Heilige Geist, der diesen neuen Bund umsetzt. Hesekiel beschreibt es auf diese Weise: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“ (Hesekiel 36,26-27)

Eine Herzensumwandlung

Dieser angekündigte Neue Bund würde eine tiefgreifende Veränderung des Herzens sein. Gott würde seine Thora („Gesetz“) nicht wie auf dem Berg Sinai auf Steintafeln, sondern auf Menschenherzen schreiben. Und gemäß Hesekiel würde diese Umwandlung von „steinernen Herzen“ in „fleischerne Herzen“ dadurch geschehen, dass der Heilige Geist auf Gottes Volk kommt.

Im Lichte genau dieses verheißenen Neuen Bundes muss Pfingsten verstanden werden.

„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.“ (Apostelgeschichte 2, 1-4)

Anders als auf dem Berg Sinai, als Gott im Feuer auf den Berg herabkam und Mose das auf Steintafeln geschriebene Gesetz gab, ließen sich im Obergemach Feuerflammen auf menschlichen Gefäßen nieder. Das Ergebnis war die Herzensumwandlung der ersten jüdischen Jünger. Ihr Leben änderte sich radikal.

Jesus lehrte, dass diese Umwandlung durch den Heiligen Geist so tiefgreifend ist, dass es sich anfühlen würde, als sei man „von neuem geboren“. Jesus machte diese berühmte Aussage gegenüber Nikodemus, einem der führenden Thora-Gelehrten seiner Zeit: „Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Johannes 3,3) Der Thora-Gelehrte war verwirrt: „Wie kann das sein? Kann ein Mensch wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“ (vgl. Johannes 3,4+9). Jesus antwortete erstaunt: „Du bist Israels Lehrer und weißt das nicht?“ (Johannes 3,10). Mit anderen Worten, als erfahrender Gelehrter der hebräischen Schriften hätte Nikodemus darüber Bescheid wissen müssen. Die Propheten waren erfüllt mit Verheißungen einer göttlichen Herzensumwandlung. Bereits Mose sehnte sich nach einer nationalen Ausgießung des Heiligen Geistes (4. Mose 11,29). Er sah eine Zeit voraus, in der Gott das Herz des Volkes beschneiden würde (5. Mose 30,6-8), so dass Israel infolgedessen seine Gebote befolgen würde.

Erfüllte Verheißung

Kurzum, das Kommen des Heiligen Geistes an jenem Pfingsttag war nichts unerwartet Neues, das jeden überrascht hätte. Es war verheißen, wurde erwartet und vorausgeahnt. Darum befahl Jesus seinen Jüngern, in Jerusalem zu bleiben und auf die „Verheißung des Vaters“ zu warten.

Als der Heilige Geist an Pfingsten endlich ausgegossen wurde, stand Petrus im Hof des Tempels auf und verkündete seinen jüdischen Zuhörern, dass dies die Verheißung war, die Gott ihnen und ihren Kindern gegeben hatte (Apostelgeschichte 2,39). Der Apostel Paulus bezeichnete den Heiligen Geist später als „verheißenen Geist“ (Galater 3,14; Epheser 1,13).

Den Juden zuerst

Das bedeutet, dass der Neue Bund und die Geburtsstunde der Kirche nicht die Enterbung Israels und die Übertragung eines Neuen Testaments auf die Heidenkirche waren – ganz im Gegenteil! Es war die Bundestreue Gottes zu seinem Volk Israel, alles, was er ihnen verheißen hatte, zu erfüllen. Als Gläubige aus den Heidenvölkern sollten wir darum nicht auf Israel herabsehen, sondern vielmehr dankbar sein, dass wir in diesen unglaublichen Segen des Heiligen Geistes mit eingeschlossen wurden, der zuallererst Israel und weniger den Heidenvölkern verheißen war. Paulus erklärte, dass das Evangelium Jesu Christi „den Juden zuerst und ebenso den Griechen“ gelte (Römer 1,16). Dasselbe trifft auch auf die Ausgießung des Heiligen Geistes zu, die zuerst den Juden verheißen war.

Wir müssen auch verstehen, dass die große Mehrheit der biblischen Verheißungen des Heiligen Geistes im Zusammenhang einer endzeitlichen Wiederherstellung Israels in seinem Land gegeben werden (Jesaja 44,3; Jeremia 31,31; Hesekiel 36 und 37, Joel 2,28; Sacharja 12,10-14 u.a.). Heute sehen wir wie Israel nach 2000 Jahren des Exils in einer unglaublichen Geschwindigkeit wiederhergestellt wird. Israel übertrifft sogar die Erwartungen vieler Christen, die an seine Wiederherstellung glauben. Wir können daher erwarten, dass Gott auch alle Verheißungen, die er Israel hinsichtlich der Ausgießung des Heiligen Geistes gemacht hat, erfüllen wird. Dies sollte an diesem Pfingstfest, bzw. Schawuot, unser Gebet sein.

Ein neues Wirken Gottes

Lasst uns das diesjährige Pfingstfest nicht einfach wie jedes Jahr begehen, sondern lasst uns Gott vertrauen, Neues zu wirken – insbesondere für Israel. Diese Corona-Krise hat eine weltweite Gebetswelle wie nie zuvor ausgelöst. Es herrscht eine nie zuvor dagewesene weltweite Erwartung auf einen neuen Durchbruch im Reich Gottes, wie ich sie bisher nicht erlebt habe. Lasst uns erwarten, dass Gott uns in diesem Jahr neu begegnet. Lasst uns auch dankbar sein, dass wir Teilhaber der wunderbaren Verheißungen Gottes sein dürfen, die er Israel gegeben hat, und dass er uns mit einbezogen hat, am unbeschreiblichen Segen des Geistes teilzuhaben.

Lasst uns den Heiligen Geist einladen, sein Werk in unserem Herzen zu tun. Erlauben Sie ihm, Ihr Herz zu verändern und umzugestalten. Wenn Sie es noch nie zuvor getan haben, laden Sie Jesus an diesem Pfingstfest ein und bitten Sie ihn, Ihr Herz mit seinem Heiligen Geist zu füllen. Sie werden nie wieder der- oder dieselbe sein!

 


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