Sitzt der Nahe Osten auf einem Pulverfass?

Israels Schattenkrieg gegen den Iran

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Posted on: 
30 Jul 2020
Sitzt der Nahe Osten auf einem Pulverfass?

Seit fast einem Jahrzehnt führt Israel einen Schattenkrieg gegen den Iran und ist dabei ziemlich erfolgreich – vielleicht sogar ein bisschen zu erfolgreich. Das radikale Regime in Teheran befindet sich unter wachsendem Druck, entweder eine Reihe von Missgeschicken im Land einzugestehen oder Rache an Israel und seiner vermeintlichen Sabotage-Kampagne zu verüben. Angesichts anderer Entwicklungen in der Region könnte selbst die Corona-Pandemie nicht imstande sein, eine ernsthafte militärische Eskalation zu verhindern.

Foto: Pixabay, Karte Nahost, Symbolbild

Mysteriöse Explosionen im Iran

Seit Ende Juni hat es acht mysteriöse „Vorfälle“ in verschiedenen Militär- und Industrieanlagen des Iran gegeben (Stand Anfang Juli). Dazu zählten Explosionen und/oder Brände in einer Fabrik für ballistische Raketen, einem Raketendepot, einer Klinik in Teheran, einem Kraftwerk und einer petrochemischen Fabrik im Süden des Landes, einem Automobilwerk, einer Gaslagerstätte nahe der Militärbasis Parchin und einer Lagerhalle in der Atomanlage Natanz, in der Uranium angereichert wird.

Die letzten beiden Standorte sind besonders bemerkenswert. Auf der Militärbasis Parchin soll der Iran einst Atomwaffentests durchgeführt haben. Der Iran hat den UN-Inspektoren wiederholt den Zugang zu diesem Stützpunkt verwehrt. Die Explosion in Natanz zerstörte ein Gebäude, in dem Zentrifugen vor ihrer Inbetriebnahme ausgeglichen wurden. Man erinnere sich: Natanz war bereits vor zehn Jahren vorübergehend durch den Computervirus Stuxnet untauglich gemacht worden, der gemeinsam von den USA und Israel kreiert worden sein soll. Vor nicht allzu langer Zeit begannen die iranischen Behörden mit der Verdopplung ihrer Anreicherungskapazität – ein Verstoß gegen das 2015 unterzeichnete Atomabkommen, das das Streben des Irans nach Atomwaffen eindämmen sollte. Experten vermuten, dass die Explosion in Natanz Anfang Juli weitere Aktivitäten in der Anlage für bis zu zwei Jahre unmöglich gemacht haben könnte.

Das Mullah-Regime in Teheran hat versucht, all diese Missgeschicke mit defekten Gasleitungen und voneinander unabhängigen Unfällen zu erklären. Langsam aber sicher sieht es jedoch nach einer Serie geplanter Sabotageangriffe aus – auch in den Augen der iranischen Öffentlichkeit. Sie fordern Antworten und selbst im Parlament werden die Rufe lauter, Präsident Hassan Rohani seines Amtes zu entheben, angesichts seiner scheinbaren Inkompetenz.

Falls diese jüngsten Ereignisse tatsächlich Teil des verdeckten Konflikts zwischen Israel und dem Iran sind, würde in diesem Wettkampf die „zionistische“ Seite weit vorne liegen.

Luftschläge, Cyberangriffe und Geheimdienstoperationen

In den letzten Jahren hat Israel über 1.000 Luftschläge gegen Stützpunkte des Irans, Syriens und der schiitisch-libanesischen Terrororganisation Hisbollah auf syrischem Boden ausgeführt. Einige dieser Bombardements und Raketenangriffe waren sehr zerstörerisch: Waffenlager wurden vernichtet, wichtige Luftstützpunkte im ganzen Land lahmgelegt und dutzende Kämpfer der Iranischen Revolutionsgarden (IRGC) und pro-iranischer Schiiten-Milizen getötet. Berichten zufolge soll Israel auch pro-iranische Milizen und Raketenstützpunkte im westlichen Teil des Iraks angegriffen haben.

2018 brachen israelische Agenten in einer waghalsigen Aktion in eine unscheinbare Lagerhalle in Teheran ein und schmuggelten einen Schatz voller Geheimdokumente zum verborgenen iranischen Atomwaffenprogramm heraus.

Letztes Jahr entdeckte und zerstörte die israelische Armee mehrere Terror-Tunnel, die die Hisbollah aus dem Südlibanon nach Israel gegraben hatte, und beraubte den Iran somit einer wichtigen Geheimstrategie, Israel anzugreifen.

Im Januar dieses Jahres tötete die US-Armee Qasem Soleimani, Kommandeur der Quds-Brigaden, einer Eliteeinheit der IRGC, auf dem Flughafen von Bagdad. Diese gezielte Tötung durch eine US-Drohne soll u.a. durch Informationen israelischer Nachrichtendienste ermöglicht worden sein.

Und nachdem Israel einen Cyberangriff, der das Trinkwasser im Land hätte vergiften können, abgewehrt hatte, richtete es im Mai mit einem eigenen Cyberangriff große Verwirrung im wichtigsten Hafen des Iran an.

Merkwürdigerweise haben die Iraner auf diese verschiedenen Schläge durch Israel kaum reagiert. Die wenigen Gegenschläge waren ungewohnt schwach. Einige wenige Raketen wurden aus Syrien auf die Golanhöhen gefeuert, aber die meisten wurden abgeschossen oder schlugen noch vor der israelischen Grenze ein. In Nordisrael drangen ein paar feindliche Drohnen ein, die aber schnell entdeckt und unschädlich gemacht werden konnten.

Die israelische Armee hat der iranischen Achse also zahlreiche Kinnhaken verpasst, während der israelische Geheimdienst Mossad die Handtaschen der Ajatollahs leerte und auch den wichtigsten Exporteur der iranischen Revolution ausschaltete. Angesichts der vermuteten Sabotage-Kampagne, die gerade den Iran erschüttert, wächst der Druck auf das Regime, entweder eine Erklärung für all diese Zwischenfälle zu liefern oder mit der Rache an Israel zu beginnen. Die iranische Regierung spielt die Vielzahl an Explosionen und Bränden herunter. Aber sie erscheint dabei sehr stümperhaft, vor allem wenn man auch die schwächelnde Wirtschaft, den Absturz der Währung, die tatsächlichen Corona-Fallzahlen im Land und ihre Lügen über das im Januar abgeschossene ukrainische Flugzeug in Betracht zieht.

Die Taktik des Mullah-Regimes

Es ist verwunderlich warum der Iran bisher noch keine Gegenschläge unternommen hat. Teheran hat bewiesen, dass es sehr wohl in der Lage ist, zu bestimmten Anlässen gewaltige, ausgeklügelte Militäroperationen durchzuführen. Zum Beispiel kamen bei dem Überraschungsangriff auf Ölfelder im östlichen Saudi-Arabien letzten September zahlreiche bewaffnete Drohnen und Lenkraketen zum Einsatz, die der fortschrittlichen Luftabwehr „Made in USA“ entgingen.

Und iranische Beamte sind bekannt dafür, jedes Mal mit sehr viel Lärm und Getöse Vergeltungsschläge gegen Israel und seinen amerikanischen Verbündeten anzukündigen, wenn sie einen Schlag wegstecken müssen.

Aber, so sagt man, die Iraner haben auch das Schachspiel erfunden. Sie denken gerne langfristig, wiegen ab und planen mehrere Züge im Voraus. Daher ist es für sie wichtiger, ihre Truppen in Syrien und im Irak zu etablieren, ihren Griff nach dem Libanon zu festigen, Riad durch die verbündeten Huthi-Rebellen im Jemen zu bedrohen, Öl an Venezuela zu liefern und zuhause ihre Raketen und Nuklearkapazitäten weiterzuentwickeln.

Wenn sie in der Zwischenzeit hin und wieder einen Militärschlag durch eine ihrer verbündeten Milizen verüben – und diesen dann umgehend abstreiten – können, kommt es ihnen gerade gelegen. Jüngste Meldungen deuten darauf hin, dass die Iraner beim Versuch ertappt wurden, eine altbekannte Taktik anzuwenden, nämlich Anschläge auf israelische Botschaften im Ausland zu verüben.

Die Hisbollah: Gefahr für Israel und für den Libanon

Dennoch haben sie tödliche Aktivposten vor Israels Haustür platziert, die eine reale Bedrohung für den jüdischen Staat darstellen. Dazu zählt insbesondere das Raketenarsenal der Hisbollah im Libanon, das mehr als 150.000 Raketen umfasst. Inzwischen gehören auch zahlreiche präzisionsgesteuerte Langstreckenraketen dazu, die Ziele in ganz Israel treffen können, und verbesserte „Killer“-Drohnen, deren Fähigkeiten der israelischen Armee weiterhin nicht bekannt  sind.

Der Libanon selbst befindet sich inmitten einer schweren wirtschaftlichen Krise, die das Land ernsthaft destabilisieren und zu einem erneuten gesellschaftlichen Bruch entlang der Konfessionen führen könnte. Die Landeswährung hat beinahe 80% ihres Wertes verloren und damit viele Libanesen in die Armut getrieben. Auf Facebook tauschen Menschen ihre Güter und Dienstleistungen gegen Lebensmittel ein. Die schwächelnde Regierung hat damit begonnen, Kisten mit Obst und Gemüse entlang der Straßen zu stellen, um die verzweifelte Bevölkerung mit Nahrung zu versorgen. So etwas hatte es nicht einmal während des 15-jährigen Bürgerkriegs gegeben.

Viele mutige Libanesen, unter ihnen auch Schiiten, die vom wirtschaftlichen Zusammenbruch und der Corona-Krise jeglicher Hoffnung beraubt sind, kritisieren die Hisbollah in aller Öffentlichkeit für ihre Rolle angesichts dieser nationalen Krise. Zur gleichen Zeit gibt es Hinweise, dass die radikale Terrororganisation einen Krieg mit Israel sucht, um sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen. Jede der mysteriösen Explosionen im fernen Iran heizt diese Befürchtungen nur weiter an.

Vermutlich wissen die Libanesen bereits etwas, das wir gerade erst realisieren: Der Nahe Osten sitzt auf einem Pulverfass und der kleinste „Unfall“ könnte ihn zum Explodieren bringen.


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