Wurde Israel aufgebaut, um erneut zerstört zu werden?

Liegt die Zeit der Bedrängnis Jakobs noch vor uns?

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9 Mai 2018 (All day)
Wurde Israel aufgebaut, um erneut zerstört zu werden?

Wehe! Denn groß ist jener Tag, keiner ist wie er, und es ist eine Zeit der Bedrängnis für Jakob; doch wird er aus ihr gerettet werden.“ (Jeremia 30,7)

 

Vor ein paar Jahren hörte ich die Predigt eines bekannten Bibellehrers. Er sagte zusammengefasst etwa Folgendes: „Das jüdische Volk hat die Lektionen aus dem Holocaust noch nicht gelernt. Daher muss es noch mehr Leid erleben. Im Vergleich dazu wird der Holocaust unbedeutend erscheinen.“ Eine ähnliche Aussagen, die immer wieder gemacht wird, lautet: „Zwei Drittel aller Juden werden in der großen Trübsal umkommen.“ Mit anderen Worten: Das schlimmste Kapitel der jüdischen Geschichte liegt noch vor uns. Oder, um es direkter zu formulieren: Gott bringt das jüdische Volk zurück in seine Heimat Israel, um zwei Drittel in einem massiven Feuersturm zu töten. Diese These wird normalerweise mit unheilvollen Ankündigungen der Propheten des Alten Testaments verknüpft, die diese Ansicht zu untermauern scheinen. Eine dieser Passagen ist der oben genannte Vers aus dem Propheten Jeremia, der über die „Zeit der Bedrängnis für Jakob“ spricht. Andere Bibelstellen, die als Belege herangezogen werden, sind Sacharja 13,8+9 sowie Hesekiel 5. Beide handeln von einer Zeit, in der zwei Drittel der Bewohner des Lands vernichtet werden.

 

Der prophetische Kontext
Ich persönlich habe große Vorbehalte gegen diese Art der Interpretation, weil ich glaube, dass diese Passagen aus ihrem Kontext gerissen werden. Und was noch wichtiger ist: Die oben genannten Deutungen stellen den Charakter Gottes und seine aktuellen Absichten für Israel falsch dar. Zudem zeigt die Bibel, dass die „Zeit der Bedrängnis für Jakob“ und die Vernichtung von zwei Dritteln der israelischen Bevölkerung zwei verschiedene Ereignisse in der jüdischen Geschichte betreffen. Das werde ich im Folgenden erläutern.

 

     A. Jeremia und Jakobs Bedrängnis

Das 30. Kapitel des Propheten Jeremia ist die Einleitung zu einer Abfolge großartiger biblischer Vorhersagen (30-33) über die Wiederherstellung Israels. Sie finden ihren Höhepunkt in einem „neuen Bund“, der Herzen verändert, und in der Herrschaft eines „Sprosses der Gerechtigkeit“. Gott stellt sicher, dass diese Verheißungen nicht verlorengehen, sondern künftigen Generationen bekanntwerden. Er weist Jeremia nämlich ausdrücklich an, diese Worte niederzuschreiben, „denn es kommt die Zeit, in der ich das Schicksal meines Volkes wieder zum Guten wende. Ich bringe die Israeliten und die Judäer zurück in das Land….“ (30,2+3).

 

Dann erläutert Gott ab Vers 4, in welcher Reihenfolge er dieses Erlösungswerk vollbringen wird. Zunächst sieht man ein Bild der Verzweiflung und großer Not: „Angstgeschrei und Entsetzen” machen sich breit. Dann folgt der Ausruf: „Wehe! Denn groß ist jener Tag, keiner ist wie er, und es ist eine Zeit der Bedrängnis für Jakob…“ (30,7) Direkt danach beginnt das Wiederherstellungsprogramm Gottes sich zu entfalten. Der Herr kündigt an, dass es Veränderungen geben wird. Er wird das Joch der Bedrückung zerbrechen (30,8), bis Israel schließlich Gott und seinem Messias dienen wird. Er fährt fort:

 

„Fürchtet euch nicht, ihr Nachkommen von Jakob, meine Diener! … Denn ich, der HERR, verspreche euch: Aus einem fernen Land werde ich euch zurückholen. Ja, ich befreie eure Nachkommen aus dem Land, in dem sie Gefangene sind. Dann werdet ihr in Frieden und Sicherheit leben, niemand bedroht euch mehr. “(30,10)
 

Eine ähnliche Abfolge von Ereignissen finden wird im darauffolgenden Kapitel 31. Dort erklärt der Prophet: „Das Volk derer, die dem Schwert entronnen sind, hat Gnade gefunden in der Wüste…“ (31,2) Israel entrann dem Schwert und Gott rettete sie. Auf diese Erklärung folgt erneut das Versprechen der Rückkehr aus dem Exil: „Siehe, ich bringe sie herbei aus dem Land des Nordens und sammle sie von dem äußersten Ende der Erde, …als eine große Volksversammlung kehren sie hierher zurück“ (31,8). Das deutet darauf hin, dass die „Zeit der Bedrängnis Jakobs“ eine beispiellose Katastrophe darstellt („kein Tag ist wie er“), während sich Israel noch im Exil befindet. Aus dieser Krise heraus bringt Gott sie wieder in ihr Land zurück.


Genau diese Entwicklung können wir an der modernen Geschichte Israels ablesen: Ein Volk, das mit knapper Not seiner vollständigen Vernichtung im Holocaust entkommen ist und sechs Millionen Tote zu betrauern hat, erhebt sich aus der Asche dieser großen Tragödie. Es kehrt in seine Heimat zurück, um die Nation Israel wiederherzustellen, genau, wie es der Prophet Hesekiel vorausgesagt hatte:

 

„Und er sprach zu mir: Menschensohn, diese Gebeine, sie sind das ganze Haus Israel. Siehe, sie sagen: Unsere Gebeine sind vertrocknet, und unsere Hoffnung ist verloren; es ist aus mit uns. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr, HERR: Siehe, ich öffne eure Gräber und lasse euch aus euren Gräbern heraufkommen als mein Volk und bringe euch ins Land Israel.“ (Hesekiel 37,11+12)

 

Der Holocaust war tatsächlich das dunkelste Kapitel der jüdischen Geschichte. Es war eine Zeit der Bedrängnis für Jakob. Alle Historiker sind sich einig, dass diese Tragödie in der Menschheitsgeschichte einzigartig ist. Doch aus dieser Zeit der Verwüstung und Hoffnungslosigkeit rettete Gott sein Volk und brachte es in sein Land zurück.

 

     B.  Hesekiel und die verstreuten Haare

Hesekiel war der erste Prophet, der die Katastrophe vorhersagte, dass nämlich zwei Drittel der Volkes Israel umkommen würden (Hesekiel 5,1-4). Er prophezeite über diese Geschehnisse während des babylonischen Exils. Gott forderte ihn auf, eine merkwürdige Handlung vorzunehmen, um zu zeigen, was kommen würde: Mit einem Schermesse sollte er seine Haare und seinen Bart abschneiden! Dann hieß es: „Ein Drittel sollst du mitten in der Stadt mit Feuer verbrennen, … und ein Drittel sollst du nehmen und es rings um sie her mit dem Schwert schlagen; und ein Drittel sollst du in den Wind streuen!“ (5,2)„Das ist Jerusalem!“, erklärt ihm der Herr. Die Bevölkerungsmehrheit von zwei Dritteln würde durch Hunger, Gericht und Krieg sterben, während das verbleibende Drittel keine Erlösung fände, sondern in die ganze Welt zerstreut würde; selbst im Exil wären sie heftiger Verfolgung ausgesetzt (5, 2-4).

 

     C.  Sacharja und der Hirte

Zu Lebzeiten des Propheten Sacharja kehrte Israel aus Babylon zurück. Die Kapitel 12-14 berichten über den endzeitlichen Kampf um Jerusalem und die Wiederherstellung der Stadt. Höhepunkt dieses Prozesses wird die Erlösung Israels sein, wenn „der Geist der Gnade und des Flehens“ über ihnen ausgegossen wird. Doch zwischen diese Weissagungen fügte der Prophet eine Vision über den Messias ein…

 

„Wach auf, Schwert, gegen meinen Hirten und gegen den Mann, der mein Gefährte ist!, spricht der HERR der Heerscharen. Schlage den Hirten, dass die Schafe sich zerstreuen! Und ich werde meine Hand den Kleinen zuwenden.“ (Sacharja 13,7)


Jesus selbst zitiert diese Schriftstelle (Markus 14,27). Dabei sieht er ihre Erfüllung in den Geschehnissen im Garten von Gethsemane, als seine Jünger flohen und ihn in seinem Leiden allein ließen. Allgemeiner gesehen ist es auch ein Bild für das gesamte Volk Israel. Es wurde drei Jahrzehnte nachdem Christus, der große Hirte „geschlagen“ wurde und starb, in alle Welt zerstreut. In diesem Zusammenhang sagt Sacharja tragische Zeiten für ganz Israel voraus: „Und es wird im ganzen Land geschehen, spricht der HERR, zwei Teile davon werden ausgerottet, verscheiden, und nur der dritte Teil davon bleibt übrig.“(Sacharja 13,8)
 

Der jüdische Historiker Josephus Flavius berichtet, dass vor der Zerstörung des Tempels zirka 1,1 Millionen Juden während des ersten jüdischen Aufstandes ihr Leben im Land Israel verloren. Nur wenige Jahrzehnte später, während der Bar-Kochba-Revolte, beziffert der römische Historiker Cassius Dio die Anzahl der jüdischen Todesopfer auf 580.000 Personen. Die Überlebenden wurden ins Exil geschickt. Somit betrug die Gesamtanzahl der Getöteten in beiden Aufständen über 1,7 Millionen Menschen.

 

Der jüdische Historiker Salo Wittmayer Baron schätzt, dass die Bevölkerung Israels zur Zeit des römischen Kaisers Claudius (41-54 AD) zirka 2,3 Millionen Menschen ausmachte. Zwei Drittel davon wären zirka 1,5 Millionen. Es gibt also eine erstaunliche Übereinstimmung zwischen der säkularen Geschichtsschreibung und den Worten der hebräischen Propheten, die 500 Jahre zuvor verkündet worden waren. Sowohl die Geschichtsbücher als auch der prophetische Kontext des „geschlagenen Hirten“ veranlassen uns dazu, diese Ereignisse in der Vergangenheit zu verorten und nicht in der Zukunft.

 

Jesus selbst sah diese Katastrophe für Israel voraus und weinte über Jerusalem. „Und sie werden fallen durch die Schärfe des Schwertes und gefangen weggeführt werden unter alle Nationen“ (Lukas 21,24). Auch Sacharja weissagte über eine lange Zeit des Gerichts für Israel. Zwei Drittel würden sterben, während der Überrest durch das „Feuer“ des Exils hindurchgehen müsste; dann erst würde endlich ihre Erlösung kommen.

 

Es gibt also einen gemeinsamen roten Faden, der sich durch die Prophezeiungen in Jeremia 30-33, Hesekiel 5 und Sacharja 13 hindurchzieht. Der Prozess der Erlösung Israels beginnt mit der Ablehnung und dem Schlagen des Hirten. Darauf folgen riesige Turbulenzen im Land, in deren Verlauf zwei Drittel der Bevölkerung getötet und das verbleibende Drittel in alle Welt zerstreut werden. Dieses Exil ist durch das läuternde Feuer ständiger Verfolgung gekennzeichnet. Es findet seinen Höhepunkt in einer letzten Katastrophe außerhalb des Landes, die als „Jakobs Bedrängnis“ bekannt ist. Das Exil endet mit der Wiederherstellung des Staates Israel, auf die schließlich die geistliche Wiedergeburt der Nation folgt.  

 

Genau dieselbe Abfolge finden wir auch in den fantastischen Kapiteln 36 und 37 des Propheten Hesekiel, während Psalm 102 ebenfalls eine Zeit schwerer Prüfung voraussagt, die große Ähnlichkeit mit dem Holocaust hat. Danach erklärt Gott schließlich, dass die Zeit, Zion zu begnadigen gekommen sei.

 

Das neue Paradigma der Gnade für Zion

Von den Propheten erfahren wir, dass nichts den Wiederherstellungsprozess Israels mehr stoppen kann, wenn er einmal in Gang gesetzt wird. Sacharja prophezeit, dass Jerusalem zu einem „Taumelbecher“ für die Welt werden wird und dass sich die Länder dieser Erde schließlich gegen Jerusalem wenden werden. Doch derselbe Prophet verheißt, dass die Nationen gerichtet werden, während Israel Befreiung erfährt und am Ende als Sieger aus dem Konflikt hervorgeht.

 

Die Wiederherstellung Israels ist ein Paradigmenwechsel in Gottes Verhalten gegenüber dem jüdischen Volk. Der Prophet Jesaja beginnt seine Kapitel über die Wiederherstellung (40-48) mit dem Ausruf „Tröstet, tröstet mein Volk“ und der Aufforderung Israel zu verkünden, dass „sein Heeresdienst vollendet, dass seine Schuld abgetragen ist; denn es hat von der Hand des Herrn das Doppelte empfangen für all seine Sünden.“ (Jesaja 40,1+2) Diesen Ausdruck „dass seine Schuld abgetragen ist” könnte man aus dem Hebräischen auch übersetzen mit „es hat für seine Sünden bezahlt.” Statt um Gnade oder Vergebung geht es hier vielmehr darum, dass Gott sein Gericht an Israel abgeschlossen hat. Er handelt an seinem Volk nicht mehr so, wie es seinen Sünden entsprechen würde. Gott fordert die Welt dazu auf, Israel Folgendes zuzurufen: Dein Kriegsdienst und die Zeit des Gerichts sind vorbei! Eine neue Zeit der Wiederherstellung ist angebrochen!


Ganz ähnlich formuliert es Sacharja: „Nun aber will ich für den Rest dieses Volkes nicht wie in den früheren Tagen sein, spricht der HERR der Heerscharen… Ebenso wie ich mir vorgenommen hatte, euch Böses zu tun, als eure Väter mich zum Zorn reizten, spricht der HERR der Heerscharen, und ich es mir nicht leid tun ließ, so habe ich mir wieder vorgenommen, in diesen Tagen Jerusalem und dem Haus Juda Gutes zu tun. Fürchtet euch nicht.” (Sacharja 8,11-15) Das bedeutet, dass Gott einen unumkehrbaren Wiederherstellungsprozess eingeleitet hat. Er stellt eine radikale Veränderung in seinem Verhalten zu Israel dar. Das bedeutet nicht, dass er Israel nie wieder korrigieren würde, wie ein liebender Vater es seinem Sohn gegenüber tut, doch es wird „mit rechtem Maß“ geschehen (Jeremia 30,11).

 

Der Weg zur Erlösung

Schließlich stellt die Annahme, dass Israel seinen Messias nur durch eine weitere Zeit schweren Gerichts empfangen wird, den Charakter Gottes und sogar der Menschheit falsch dar. Normalerweise führen große menschliche Katastrophen nicht zur Buße, sondern zum genauen Gegenteil. Nach der schlimmsten aller Plagen verhärtete der Pharao sein Herz nur noch mehr. Das Buch der Offenbarung zieht eine Parallel zur Endzeit und beschreibt die Menschheit in einem Zustand hoffnungsloser Rebellion gegen Gott – selbst nachdem sein großer Zorn sich über sie ausgießt: „…und lästerten den Gott des Himmels wegen ihrer Schmerzen und wegen ihrer Geschwüre, und sie taten nicht Buße von ihren Werken.“ (Offenbarung 16,11)

Das katastrophale Gericht, das im Jahr 70 n.Chr. über Israel hereinbrach, war nicht Gottes Art, sein Volk zu sich zurückzurufen; vielmehr war es ein Ausdruck dessen, dass das Maß ihrer Sünden voll war und nach göttlicher Gerechtigkeit verlangte. Jesus erklärte: „Seht, euer Haus wird verlassen sein und verwüstet daliegen.“ (Matthäus 23,38)

 

In ähnlicher Art und Weise führte die große Tragödie des Holocaust nicht dazu, dass die meisten Juden Gott gesucht hätten. Sie fragten vielmehr: „Wo war Gott?“ Viele von ihnen verloren ihren Glauben. Wie ein Holocaustüberlebender mir einmal sagte: „Für mich ist Gott in Auschwitz gestorben.“ Der Apostel Paulus erklärte andererseits, dass uns „die Güte Gottes zur Umkehr leitet.” (Römer 2,4)

 

Gott erlöst sein Volk, indem er seinem Bund treu bleibt und es in seiner ewigen Lieben wiederherstellt (Jeremia 31,2). Im Gegensatz dazu besteht die Botschaft, die Gott in unseren Tagen an die Nationen richtet, nicht darin, dass er Israel weiteres Gericht ankündigen würde. Vielmehr erklärt er: „Höret, ihr Völker, des HERRN Wort und verkündet's fern auf den Inseln und sprecht: Der Israel zerstreut hat, der wird's auch wieder sammeln und wird es hüten wie ein Hirte seine Herde. „(Jeremiah 31,10) Das kann natürlich auch wohlüberlegte erzieherische Maßnahmen durch den Stab des guten Hirten beinhalten, doch diese Disziplinierung wird das Volk auf grüne Weiden führen.

 

Zu diesem Auftrag sieht sich die Christliche Botschaft verpflichtet: Israel und den Nationen Gottes Gnade und seine Treue zu verkündigen. Wir erklären, dass einen neue Zeit der Wiederherstellung angebrochen ist. Wir fordern die Christenheit dazu auf, mit Gott an diesem großen Werk der Wiederherstellung Israels zusammenzuarbeiten. Unsere Berufung besteht darin „Gottes Volk zu trösten“ und Israel zu verkündigen, dass ein neues Kapitel begonnen hat. Es wird nicht zu weiterem Gericht führen, sondern dazu, dass ganz Israel gerettet wird!