Jerusalem: Staatschefs, Überlebende gedenken des Holocausts

ICEJ-Nachrichten vom 23. Januar 2020

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23 Jan 2020
Jerusalem: Staatschefs, Überlebende gedenken des Holocausts

Rund 800 geladene Gäste, darunter 41 Staatsoberhäupter und dutzende Überlebende, haben am heutigen Donnerstag der Opfer des Holocausts gedacht. Bei der Gedenkveranstaltung in Yad Vashem sprachen neben den israelischen Gastgebern auch die Vertreter der Siegermächte und Deutschlands. Umrahmt wurde die Veranstaltung von Gebeten, musikalischen Darbietungen, eingespielten Videoclips und Kranzniederlegungen der Delegationen. Der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin eröffnete die Zeremonie und drückte den Staatschefs für ihre „Solidarität mit dem jüdischen Volk“ seine Wertschätzung aus.

Foto: Staatsoberhäupter beim Empfang von Präsident Reuven Rivlin am 22.01.2020, Kobi Gideon/GPO

Netanjahu: „Die Lektion des Holocausts gelernt“

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu bedankte sich bei den Siegermächten des 2. Weltkriegs, „ohne deren Opfer es heute keine Überlebenden geben würde.“ Er erinnerte daran, dass „vor rund 80 Jahren, als dem jüdischen Volk die Auslöschung drohte, die Welt uns den Rücken zuwandte. Das jüdische Volk hat die Lektion des Holocausts gelernt: wir können Drohungen, uns auszulöschen, nicht auf die leichte Schulter nehmen, ... und wir müssen uns verteidigen.“ Er forderte die Weltgemeinschaft dazu auf, dem iranischen Regime gemeinsam entgegenzutreten. Es sei das „antisemitischste Regime” der Welt, das nach Atomwaffen strebe und „den einzigen jüdischen Staat auslöschen“ wolle, erklärte Netanjahu. Auch US-Vizepräsident Mike Pence forderte ein gemeinsames Engagement gegen das iranische Regime, das Holocaustleugnung als „Staatspolitik“ betreibe und damit drohe, „Israel von der Landkarte zu tilgen“.

Steinmeier: „Wir stehen an der Seite Israels“

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnete seine Ansprache - die erste eines deutschen Politikers in Yad Vashem - mit demhebräischen Gebet:„Gepriesen sei der Herr, der michdiese Zeit hat sehen lassen.“Er stehe hier, „beladen mit historischer Schuld“, aber voller „Dankbarkeit ... für das neue Vertrauen, das Menschen in Israel und auf der ganzen Welt“ Deutschland entgegen brächten. „Ich wünschte ich könnte sagen, dass wir Deutschen aus der Geschichte gelernt haben.“ Angesichts zunehmender antisemitischer Übergriffe in Deutschland könne er dies aber nicht. Er versprach, Deutschland werde Antisemitismus bekämpfen und jüdisches Leben schützen. „Wir stehen an der Seite Israels”, gelobte er. (Lesen Sie hier die Rede des Bundespräsidenten in voller Länge.)

Die Gedenkveranstaltung anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 ist das größte diplomatische Ereignis in der Geschichte Israels. Es wurde von der World Holocaust Forum Foundation in Kooperation mit der israelischen Holocaustgedenkstätte Yad Vashem organisiert. Schirmherr ist der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin.

 

 

Rivlin kritisiert Geschichtsumdeutung, lobt Holocaustgedenken

Der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin hat vor Geschichtsumdeutung gewarnt und dazu aufgerufen, gemeinsam gegen Antisemitismus Stellung zu beziehen. Bei einem Staatsbankett mit dutzenden Staatsoberhäuptern am Vorabend des 5. Welt-Holocaust-Forums in Jerusalem sagte Rivlin, die „Geschichte des Holocausts“ müsse „den Historikern überlassen“ werden. „Aufgabe der Politiker ist es, die Zukunft zu gestalten.“ Israelische Medien werteten dies als Kritik an den Regierungen Russlands und Polens, denen Historiker und Politiker vorwerfen, die Geschehnisse vor und während des 2. Weltkrieges umdeuten und für ihre Ziele politisieren zu wollen. Rivlin lobte die Gedenkstätte Yad Vashem als das „führende Zentrum für Holocaustforschung und -aufklärung unter der Leitung von Historikern.“ Die am heutigen Donnerstag stattfindende Gedenkveranstaltung sei ein Ausdruck „unserer gemeinsamen Verpflichtung, die geschichtlichen Tatsachen und Lektionen der Shoa den nächsten Generationen weiterzugeben“, sagte Rivlin.

 

Europäische Politiker besuchen Auschwitz

Über 100 europäische Minister und Parlamentarier haben am Dienstag zusammen mit Holocaustüberlebenden und jüdischen Vertretern das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz besucht. Der Besuch fand im Rahmen eines Symposiums anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Todeslagers statt. Mehrere jüdisch-europäische Organisationen hatten das Symposium gemeinsam organisiert. Die Redner forderten die Politiker dazu auf, entschiedener gegen Antisemitismus vorzugehen. Es sei unter anderem nötig, eine bessere Bildungsarbeit und Antisemitismusbekämpfung gesetzlich zu verankern und den Verkauf von Nazi-Gegenständen zu verbieten. Anlässlich des Internationalen Holocaustgedenktages „werden viele Reden gehalten werden und Menschen werden sagen: ‚Nie wieder‘. Aber wir müssen viel mehr als das tun… Wenn nicht jetzt, wann dann?“, fragte Rabbi Menachem Margolin, Vorsitzender der European Jewish Association (EJA). Gastrednerin Keren Knoll, Tochter der Holocaustüberlebenden Mireille Knoll, die 2018 in Paris von antisemitisch-motivierten Tätern ermordet wurde, warnte die Anwesenden: „Unter uns leben Antisemiten. Der Hass ist immer noch da.“ Israel Meir Lau, ehemaliger israelischer Oberrabbiner und Überlebender des KZ Buchenwald, wies die Anwesenden darauf hin, dass Antisemitismus zunehmend in Israelhass umschlage. „Sie haben uns gehasst, als wir Fremde ohne ein Land waren, und sie hassen uns auch heute, weil wir unser eigenes Land haben”, sagte er.

 

Holocaust: Alarmierende Wissenslücken in Westeuropa, Nordamerika

Historiker warnen vor einer zunehmenden Unwissenheit über das Ausmaß des Holocausts, vor allem unter jungen Leuten. In Studien, die die Jewish Claims Conference (JCC) in den letzten eineinhalb Jahren in Frankreich, Österreich, Kanada und den USA durchgeführt hatte, wusste mehr als die Hälfte der Befragten nicht, wie viele Juden im Holocaust ermordet worden waren. Bei der jüngeren Generation („Millennials“ und „Generation Z“) lag der Anteil höher. In jedem der vier Länder meinte rund ein Drittel der Befragten, dass bis zu zwei Millionen Juden ermordet wurden. 25% der befragten Österreicher waren der Ansicht, es handle sich um eine Million Opfer, 12% glaubten es waren 100.000 oder weniger. 45% der US-Amerikaner konnten kein Konzentrationslager benennen. 45% der französischen Millennials wussten nicht von der Kollaboration des französischen Vichy-Regimes mit den Nazis, 20% waren der Meinung, antisemitische Ansichten zu hegen sei akzeptabel (10% bei allen französischen Befragten).

 

Israel: 2019 mehr als 560 Terroranschläge vereitelt

Israelische Sicherheitskräfte haben 2019 über 560 Terroranschläge verhindert, darunter zehn Selbstmordattentate und vier Entführungen. Das gab der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Bet am Montag bekannt. In Judäa und Samaria (Westjordanland) wurden letztes Jahr fünf Israelis bei Terroranschlägen getötet, 2018 waren es elf Tote. Die Sicherheitslage bleibt unverändert angespannt. Wie die Times of Israel am Mittwoch berichtete konfiszierten israelische Sicherheitskräfte in den vergangenen sechs Wochen im Westjordanland dutzende illegale Feuerwaffen, darunter Sturmgewehre und Maschinenpistolen. Fünf Waffenproduktionsstätten wurden stillgelegt und mehrere Hunderttausend Schekel, die für die Finanzierung terroristischer Aktivitäten bestimmt waren, beschlagnahmt. Am Dienstagabend drangen drei bewaffnete Terroristen aus dem von der islamistischen Terrororganisation Hamas beherrschten Gazastreifen nach Israel ein. Sie wurden nahe des Kibbuz Kissufim entdeckt und getötet, als sie zwei Sprengsätze auf israelische Soldaten warfen.