Anteilnahme und Freundschaft in Auschwitz-Birkenau

ICEJ-Gruppe beim March of the Living 2016

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Posted on: 
17 Apr 2020
Anteilnahme und Freundschaft in Auschwitz-Birkenau

Jedes Jahr zum israelischen Holocaustgedenktag, dem Jom HaSchoah, nehmen tausende Menschen aus der ganzen Welt, darunter viele jüdische Jugendliche, am March of the Living („Marsch der Lebenden“) teil. Dieser führt vom KZ Auschwitz zum Vernichtungslager Birkenau. Wegen der Coronakrise wird der Marsch am diesjährigen Jom HaSchoah, der auf den 21. April fällt, nicht stattfinden. Aus diesem Grund möchten wir als ICEJ Deutschland dem jüdischen Volk und Israel auf andere Weise unsere Solidarität ausdrücken: am Dienstag, 21. April, um 8.55 Uhr werden wir per Livestream an den Schweigeminuten zum Jom HaSchoah in Israel teilnehmen. Seien auch Sie mit dabei! Weitere Informationen finden sie hier.

Im Nachfolgenden ein Bericht vom March of the Living 2016.

Es ist keine leichte Reise. Am israelischen Holocaustgedenktag nach Auschwitz-Birkenau zu fahren, um mit tausenden jüdischen Jugendlichen aus aller Welt und Holocaustüberlebenden am March of the Living (MOL) teilzunehmen, geht an die Substanz. Dieses Jahr ist es nur eine kleine Gruppe, die sich mit den ICEJ-Mitarbeitern Stephan Lehnert und Birte Scholz auf den Weg nach Polen macht. Doch viele der 23 Teilnehmer sind froh, das Todeslager gemeinsam mit anderen Christen besuchen zu können. „Dass Christen dem jüdischen Volk zur Seite stehen ist mir sehr wichtig. Wir haben die Verpflichtung, etwas zu unternehmen. Es besteht die Gefahr, dass der Holocaust in Vergessenheit gerät und quasi als Geschichte abgetan wird“, erklärt Lewis Leschinski. Auch Guido und Vera Koch ist es wichtig, sich zum jüdischen Volk und zu Israel zu stellen. „Wir wollen unsere Anteilnahme an diesem schmerzlichen Tag zeigen, dass sie nicht allein gelassen sind, sondern dass wir uns als Deutsche dazustellen“, erklärt Vera.

Wiedersehen am Ort des Todes

ICEJ-Mitarbeiterin Rose Hinderer hat einen ganz persönlichen Grund, erneut mit zum MOL zu fahren. „Letztes Jahr habe ich hier die Holocaustüberlebende Eva Perlman aus den USA kennengelernt. Über weiteren E-Mail-Kontakt hat sich eine Freundschaft entwickelt und nun möchten wir uns noch einmal begegnen“, hofft Rose. Und ihr Wunsch geht in Erfüllung. Die Freude auf beiden Seiten ist groß, als Eva und Rose sich am Ort des Todes, an dem ihre Freundschaft begann, in die Arme schließen. Eva bittet Rose, die in eine große Deutschlandfahne gehüllt ist, in vorderster Reihe ihrer amerikanischen Gruppe mitzulaufen. „Ich habe es als Ehre empfunden und als Versöhnungswerk, dass Eva meine Hand ergriffen hat und wir so gemeinsam, Hand in Hand, nach Birkenau gelaufen sind“, erzählt Rose. „Ich habe den vielen amerikanischen jungen Leuten von der ICEJ und ihrem Leitvers „Tröstet, tröstet mein Volk“ aus Jesaja 40,1 erzählt und dass es in Deutschland viele Christen gibt, die diesem Motto folgen. Wir sind als Gruppe da, um die Geschichte nicht zu vergessen, sagte ich, und aus Solidarität. Wir stellen uns zu Israel und lieben die Juden von Herzen. Sie waren ganz erstaunt darüber, und es war wirklich bewegend.“

Tränen und Hoffnung

Manuela Hammer ist zum ersten Mal in Auschwitz. „Für mich war das sehr emotional“, sagt sie. „Es ist wichtig, nicht zu vergessen, was dem jüdischen Volk durch unser Volk angetan wurde. Ich habe an diesem Tag im Stillen Anteilnahme zum Ausdruck gebracht, indem ich mitgegangen bin durch diesen Ort und der Menschen gedacht habe, die hier so Schreckliches erlebt haben.“ Kostbar geworden ist Manuela eine persönliche Begegnung mit einer Holocaust-Überlebenden, der sie von Herz zu Herz ausdrücken konnte, wie sehr ihr alles leidtut. „Es ist wichtig, wachsam zu sein für die Gegenwart und an der Seite Israels zu stehen“, betont Manuela. Oliver und Birgit Keil hatten ebenfalls heilsame Begegnungen mit jüdischen Marschteilnehmern. „Ein Mädchen sagte: `Ich freue mich, dass ihr hergekommen seid´ und hat mich umarmt“, erzählt Birgit. „Da habe ich Versöhnung und Befreiung gespürt. Ich hatte mich immer schuldig gefühlt angesichts der deutschen Grausamkeiten.“ Auch Ingrid Reiner spürt, dass eine Last von ihr genommen wird, als ein mexikanischer Jude sie tröstet und Vergebung ausspricht.

„Ich bin froh, dass ich mitgefahren bin“, erklärt Klaus Schröder. „Als Deutscher habe ich mich in Auschwitz sehr unwohl gefühlt und dennoch war es positiv, dort tausende junge Menschen zu sehen. In diesem Spannungsfeld habe ich das Ganze erlebt.“ Jörg und Christine Stooß ergeht es ähnlich. „Ich fand es unheimlich schwer, mit der deutschen Flagge dort zu laufen“, erinnert sich Christine. „Dann kam ein amerikanischer Jude und wollte die deutsche Fahne halten. Er ist mit uns auf der Rampe gegangen.“

Schockierende Größe Birkenaus

Viele Reiseteilnehmer sind geschockt von den riesigen Dimensionen des Lagers Birkenau. „Bevor ich dort hingekommen bin, war mir nicht bewusst, dass es so groß ist. Was an Organisation hinter dieser Maschinerie stecken musste, hat mich erschreckt“, sagt Martina Baur. Dennoch ist sie beeindruckt von den vielen jungen Juden. „Dass sie gar keinen Groll, Schuldzuweisung oder Ablehnung zeigten, hat mich freudig gestimmt. Die jungen Menschen vergessen nicht, aber der Widersacher hat nicht gesiegt, die Juden, das Volk Gottes, ist immer noch da.“

Sieg des Lebens

„Ich habe empfunden, dass viel Schmerz in den jungen Leuten steckt, aber auch gesehen, wie sie sich in der Gruppe gegenseitig unterstützten“ erklärt Ingrid. „Jugendliche haben sich auf den Gleisen umarmt und geweint. Das waren sehr persönliche Einblicke“, ergänzt Jörg. Ernst und Erika Meyer sind berührt von den jungen Leuten, die kleine Brettchen mit den Namen ihrer Großeltern, die sie nie kennenlernen konnten, zwischen die Bahngleise stecken. „Die Größe von Birkenau ist unvorstellbar“, ist auch Michaela Chichere betroffen. „Aber unausgesprochen war die Botschaft: Wir sind da, sehr lebendig stehen wir hier als Juden, das Leben hat über den Tod gesiegt.“


Zum Livestream am Jom HaSchoah 2020 (21. April, 8.55 Uhr)